Überlingen 2002: Die Kollision über dem Bodensee und was sie für TCAS bedeutete

In der Nacht zum 2. Juli 2002 stießen über Überlingen eine Tupolew Tu-154 der Bashkirian Airlines und eine Boeing 757 von DHL zusammen, 71 Menschen starben. Ablauf, Ursachen und die Regeln, die seitdem in jedem Cockpit gelten.

Planetrack RedaktionVeröffentlicht: 15. Oktober 202614 Min. Lesezeit

Das Wichtigste in Kürze

  • 71 Tote: Am 1. Juli 2002 um 23:35 Uhr Ortszeit kollidierten in rund 34.900 Fuß Höhe nördlich von Überlingen eine Tu-154M der Bashkirian Airlines und ein Boeing-757-Frachter von DHL. Unter den Opfern waren rund 50 Kinder aus Ufa.
  • Zwei Anweisungen, zwei Richtungen: Der Lotse in Zürich wies die Tupolew zum Sinken an, ihr Kollisionswarnsystem TCAS forderte Sekunden später Steigen. Die russische Crew folgte dem Lotsen, die DHL-Crew ihrem TCAS – beide sanken.
  • Ein Lotse, zwei Bildschirme, kaum Technik: Nachts war bei Skyguide nur ein Lotse am Arbeitsplatz, wegen Wartung fehlten Telefonanlage und der optische Konfliktalarm, gleichzeitig betreute er einen verspäteten Anflug auf Friedrichshafen.
  • Die Lehre: TCAS hat Vorrang: Nach Überlingen stellte die ICAO klar, dass eine TCAS-Ausweichempfehlung befolgt werden muss, auch wenn der Lotse etwas anderes sagt.
  • Neue Software: TCAS II Version 7.1 kann eine Ausweichempfehlung umkehren, wenn das andere Flugzeug falsch reagiert. In der EU ist sie seit 2012 für neue und seit Dezember 2015 für alle betroffenen Flugzeuge Pflicht.
Inhaltsverzeichnis
  1. 1.Überlingen 2002: die kurze Antwort
  2. 2.Die beiden Flüge
  3. 3.Wer den Luftraum kontrollierte
  4. 4.Wie es zur Kollision kam
  5. 5.Was TCAS eigentlich tut
  6. 6.Warum die Crew dem Lotsen folgte
  7. 7.Die Untersuchung der BFU
  8. 8.Die Konsequenzen für TCAS
  9. 9.Die Konsequenzen für die Flugsicherung
  10. 10.Das juristische Nachspiel
  11. 11.Ein zweites Opfer
  12. 12.Erinnern am Bodensee
  13. 13.Was das für dich als Spotter bedeutet
  14. 14.Überlingen und Teneriffa: zwei Wendepunkte
  15. 15.Fazit

Wer heute in einer Cockpit-Doku hört, wie eine Crew „TCAS RA“ an die Flugsicherung meldet und danach stur dem Bordcomputer folgt, sieht das Ergebnis einer Sommernacht im Jahr 2002. Über dem Nordufer des Bodensees stießen damals zwei Jets zusammen, obwohl beide ein funktionierendes Kollisionswarnsystem an Bord hatten. Die Flugzeugkollision von Überlingen ist bis heute der Fall, an dem Ausbilder erklären, warum es im Ernstfall nur eine Instanz geben darf, die entscheidet. Dieser Artikel zeigt dir den Ablauf, die Ursachenkette und was sich danach für Piloten, Lotsen und die Technik geändert hat.

Hinweis

Bei dem Unglück starben 71 Menschen, die meisten davon Kinder. Dieser Beitrag beschränkt sich auf belegte Fakten aus dem Untersuchungsbericht und anerkannten Nachschlagewerken und verzichtet bewusst auf Bilder der Absturzstellen.

Überlingen 2002: die kurze Antwort

Am 1. Juli 2002 um 23:35:32 Uhr kollidierten in etwa 34.900 Fuß Höhe eine Tupolew Tu-154M der russischen Bashkirian Airlines und eine Boeing 757-200PF des DHL-Frachtnetzes. Der zuständige Lotse bei der Schweizer Flugsicherung Skyguide bemerkte den Konflikt spät und wies die Tupolew an zu sinken. Fast gleichzeitig forderte deren TCAS sie auf zu steigen, während das TCAS der Boeing ein Sinken anordnete. Die russische Crew folgte dem Lotsen, die DHL-Crew ihrem System. Beide Flugzeuge sanken aufeinander zu.

Hinter diesem Moment stand eine lange Kette: ein einzelner Lotse in der Nachtschicht, abgeschaltete Hilfssysteme, eine ausgefallene Telefonanlage und eine Regelung, die nicht eindeutig sagte, ob TCAS oder Lotse Vorrang hat.

71Todesopfer, davon 69 in der Tu-154 und 2 in der Boeing 757
FL 360Flugfläche, auf der beide Jets auf Kollisionskurs unterwegs waren
~43 szwischen der ersten Sinkanweisung des Lotsen und dem Zusammenstoß

Die beiden Flüge

Bashkirian Airlines Flug 2937 war ein Charterflug von Moskau-Domodedowo nach Barcelona. An Bord der Tu-154M mit dem Kennzeichen RA-85816 waren 60 Passagiere und 9 Besatzungsmitglieder. Die meisten Passagiere waren Schülerinnen und Schüler aus Ufa, der Hauptstadt der russischen Teilrepublik Baschkortostan, die zu einer Ferienreise nach Katalonien unterwegs waren. Die genaue Zahl der Kinder unter den Opfern wird in den Quellen leicht unterschiedlich angegeben, es waren rund 50.

Die Tupolew Tu-154 war damals das Rückgrat vieler russischer Airlines, ein dreistrahliger Mittelstreckenjet mit T-Leitwerk, den du heute praktisch nur noch im Museum siehst. Mehr zum Hintergrund liefert unser Überblick über sowjetische Verkehrsflugzeuge.

DHL Flug 611 wurde von DHL International Aviation ME mit Sitz in Bahrain betrieben. Die Boeing 757-200PF mit dem Kennzeichen A9C-DHL kam aus Bahrain, hatte in Bergamo Zwischenstation gemacht und war auf dem Weg nach Brüssel, dem damaligen Europa-Drehkreuz von DHL. An Bord waren nur die beiden Piloten. Mehr zum Netz der Expressfracht findest du in unserem Artikel über die Integratoren DHL, FedEx und UPS und auf der Seite zu DHL Aviation.

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Wer den Luftraum kontrollierte

Der Zusammenstoß geschah über deutschem Boden, aber nicht unter deutscher Kontrolle. Den Luftraum über Teilen Süddeutschlands rund um den Bodensee hatte Deutschland an die Schweizer Flugsicherung Skyguide delegiert – eine praktische Lösung, weil die Anflüge auf Zürich ohnehin über dieses Gebiet laufen. Wie die beiden Alpenländer ihre Flugsicherung organisieren, erklärt unser Beitrag zu Austro Control und Skyguide.

In der Unfallnacht saß im Kontrollzentrum Zürich nur ein Lotse an den Arbeitsplätzen für diesen Sektor. Sein Kollege hatte sich zur Pause in einen anderen Raum zurückgezogen. Laut Untersuchung widersprach das zwar den internen Vorgaben, wurde vom Management in ruhigen Nachtstunden aber seit Langem toleriert.

Dazu kamen Wartungsarbeiten an der Technik:

  • Das Radardatensystem lief im Rückfallmodus, unter anderem mit eingeschränkter Darstellung.
  • Der optische Konfliktalarm (STCA), der den Lotsen vor zu geringer Staffelung warnt, war abgeschaltet. Der Lotse wusste davon nichts.
  • Die Haupttelefonanlage war außer Betrieb, das Ersatzsystem funktionierte nicht.

Gleichzeitig betreute der Lotse an einem zweiten Arbeitsplatz einen verspäteten Flug der Aero Lloyd im Anflug auf Friedrichshafen. Weil das Telefon nicht ging, konnte er den Anflug nicht einfach an den Turm übergeben und musste zwischen zwei Bildschirmen und Frequenzen hin- und herwechseln.

Wie es zur Kollision kam

Die Boeing meldete sich gegen 23:21 Uhr bei Zürich, stieg auf eigenen Wunsch auf Flugfläche 360 und erreichte sie gegen 23:29 Uhr. Kurz danach meldete sich auch die Tupolew – ebenfalls auf FL 360. Die Kurse der beiden Flugzeuge kreuzten sich. Der Lotse bestätigte den Funkspruch, ohne eine andere Höhe zuzuweisen.

23:34:42 – Traffic Advisory

In beiden Cockpits meldet TCAS den Gegenverkehr mit der Ansage „Traffic, traffic“. Noch ist keine Ausweichempfehlung aktiv.

23:34:49 – Sinkanweisung

Der Lotse erkennt den Konflikt und weist die Tupolew an, auf FL 350 zu sinken. Die Crew reagiert zunächst nicht auf den Funkspruch.

Sekunden später – Resolution Advisory

TCAS gibt der Tupolew „Climb“ und der Boeing „Descend“. Die beiden Bordsysteme haben die Manöver korrekt miteinander abgestimmt.

23:35:03 – Wiederholung

Der Lotse wiederholt die Sinkanweisung, die Tupolew-Crew bestätigt und sinkt. Seine Positionsangabe für die Boeing ist dabei falsch: Er nennt „zwei Uhr“, tatsächlich kam sie von links.

23:35:19 – Meldung der DHL-Crew

Die Boeing sinkt nach TCAS und meldet das Manöver der Flugsicherung. Für eine Korrektur ist es da längst zu spät.

23:35:32 – Kollision

Das Seitenleitwerk der Boeing trifft den Rumpf der Tupolew. Kurz vorher hatte die russische Crew noch versucht, hochzuziehen.

Die Tupolew brach in der Luft auseinander, große Teile stürzten bei Brachenreuthe nördlich von Überlingen ab. Die Boeing verlor ihr Seitenleitwerk und schlug einige Kilometer weiter nördlich im Gemeindegebiet von Owingen auf. Die Trümmer verteilten sich insgesamt auf rund 30 Quadratkilometer. Niemand überlebte.

Eine Randnotiz, die die Tragik verstärkt: Im oberen Kontrollzentrum der DFS in Karlsruhe hatte das dortige System den Konflikt erkannt. Die Lotsen versuchten mehrfach, Zürich telefonisch zu warnen, kamen wegen der gestörten Leitungen aber nicht durch. Direkt eingreifen durften sie in den fremd kontrollierten Luftraum nicht. Was die DFS sonst leistet, erklärt unser Porträt der Deutschen Flugsicherung.

Was TCAS eigentlich tut

Um zu verstehen, warum Überlingen so viel verändert hat, lohnt ein Blick auf die Technik. TCAS II – in der ICAO-Sprache ACAS II – ist ein Kollisionswarnsystem, das unabhängig von der Flugsicherung an Bord arbeitet. Es fragt die Transponder umliegender Flugzeuge ab, berechnet aus Entfernung und Höhenänderung, wie viel Zeit bis zur größten Annäherung bleibt, und warnt in zwei Stufen:

Stufe Ansage Bedeutung Was die Crew tut
Traffic Advisory (TA) „Traffic, traffic“ Verkehr in der Nähe, mögliche Gefahr Ausschau halten, auf ein Manöver vorbereiten
Resolution Advisory (RA) z. B. „Climb, climb“ oder „Descend, descend“ Akute Kollisionsgefahr Sofort und zügig dem vertikalen Manöver folgen
Koordinierte RA je Flugzeug gegensätzlich Die beiden Systeme stimmen sich per Mode S ab Ein Flugzeug steigt, das andere sinkt
Clear of Conflict „Clear of conflict“ Gefahr vorbei Zur zugewiesenen Höhe zurückkehren, ATC informieren

Der entscheidende Punkt steckt in der dritten Zeile: Die Systeme beider Flugzeuge verabreden sich. Folgen beide Crews, gehen die Flugzeuge sicher auseinander. Folgt eine Crew nicht, kann das abgestimmte Manöver die Lage sogar verschlimmern – genau das passierte über Überlingen. Die Tupolew sank, obwohl ihr TCAS Steigen verlangte, und die Boeing sank, weil ihr TCAS davon ausging, dass die Tupolew steigt.

Laut BFU sank die Boeing zudem anfangs etwas langsamer als die empfohlene Rate von 2.500 bis 3.000 Fuß pro Minute. Das allein hätte den Unfall nicht verursacht, zeigt aber, wie eng die Toleranzen sind. Wer tiefer in die Frage einsteigen will, wie Lotsen Abstände zwischen Flugzeugen sichern, findet Hintergründe in unserem Artikel über Wirbelschleppen und Staffelung und über die Luftraumklassen.

Warum die Crew dem Lotsen folgte

Aus heutiger Sicht wirkt die Entscheidung der russischen Crew unverständlich. 2002 war sie es nicht. In den internationalen Regeln war damals nicht klar festgeschrieben, ob eine TCAS-Ausweichempfehlung oder die Anweisung der Flugsicherung Vorrang hat. Viele westliche Airlines trainierten zwar bereits, einer RA immer zu folgen, verbindlich war das aber nicht überall.

Das Betriebshandbuch der Bashkirian Airlines war nach Feststellung der BFU sogar in sich widersprüchlich: An einer Stelle wurde die Flugsicherung als maßgeblich beschrieben und TCAS als zusätzliches Hilfsmittel, an anderer Stelle waren Manöver entgegen einer RA untersagt. Die Crew hatte die Sinkanweisung des Lotsen schon im Ohr, als die RA kam, und der erfahrene Kapitän entschied sich für den Lotsen. Dass der Lotse den Gegenverkehr dabei auf der falschen Seite verortete, machte es nicht leichter, die Lage richtig einzuschätzen.

Dazu kommt: Schon 2001 hatte es in Japan einen Beinahe-Zusammenstoß zweier Maschinen von Japan Airlines gegeben, bei dem eine Crew ebenfalls einer Lotsenanweisung statt der RA gefolgt war. Zahlreiche Menschen an Bord wurden durch das abrupte Ausweichmanöver verletzt. Der japanische Bericht mit der Empfehlung, die Rangfolge eindeutig zu regeln, erschien erst kurz nach Überlingen.

Die Untersuchung der BFU

Weil der Unfall über deutschem Gebiet geschah, leitete die deutsche Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) die Ermittlungen. Ihren Abschlussbericht veröffentlichte sie am 19. Mai 2004. Die BFU benannte bewusst keinen Einzelnen als Schuldigen, sondern beschrieb zwei Gruppen von Ursachen.

Unmittelbare Ursachen

  • Der Lotse erkannte die drohende Staffelungsunterschreitung nicht rechtzeitig und gab die Sinkanweisung zu spät.
  • Die Tupolew-Crew folgte der Lotsenanweisung und nicht der TCAS-Empfehlung zum Steigen.
  • Die widersprüchlichen Anweisungen ließen der Crew Interpretationsspielraum.

Systemische Ursachen

  • Ein einzelner Lotse in der Nacht war bei Skyguide jahrelang geduldete Praxis.
  • Wartungsarbeiten an STCA und Telefonanlage wurden nicht durch andere Maßnahmen ausgeglichen.
  • Die Integration von TCAS in das Gesamtsystem Luftfahrt war unzureichend, die Regeln uneinheitlich.

Bahrain, die Schweiz und Russland gaben zu einzelnen Punkten abweichende Stellungnahmen ab, die dem Bericht beigefügt sind. Am Gesamtbild – eine Kette aus organisatorischen und technischen Schwächen, an deren Ende zwei Crews gegensätzlich reagierten – änderte das nichts.

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Die Konsequenzen für TCAS

Die wichtigste Lehre aus Überlingen war eine einfache Regel – und sie ist heute in jedem Cockpit verankert.

TCAS hat Vorrang. Die ICAO änderte ihre Verfahren im November 2003: Piloten müssen einer Resolution Advisory folgen, auch wenn sie einer Anweisung der Flugsicherung widerspricht. Eine gegenteilige Lotsenanweisung darf eine RA nicht übersteuern.

Melden statt diskutieren. Die Crew teilt der Flugsicherung so schnell wie möglich mit, dass sie einem TCAS-Manöver folgt („TCAS RA“). Ab diesem Moment gibt der Lotse dem betroffenen Flugzeug keine Höhenanweisungen mehr, bis die Crew „Clear of conflict“ meldet. Wie solche Meldungen im Funk klingen, kannst du nachvollziehen, wenn du Flugfunk online hörst.

Neue Logik: Version 7.1. Schon vor dem Unfall lag ein Änderungsvorschlag vor, der als CP112E bekannt wurde: TCAS erkennt damit, wenn das andere Flugzeug einer koordinierten RA nicht folgt, und kann die eigene Empfehlung dann umkehren – aus „Descend“ wird „Climb“. Eurocontrol kam später zu dem Schluss, dass diese Umkehr-Logik den Zusammenstoß von Überlingen vermutlich verhindert hätte, wenn beide Crews ihr gefolgt wären. Mit Version 7.1 wurde außerdem die oft missverstandene Ansage „Adjust vertical speed, adjust“ durch das eindeutige „Level off, level off“ ersetzt.

Pflicht in Europa. Die EU schrieb TCAS II Version 7.1 mit der Durchführungsverordnung (EU) Nr. 1332/2011 vor. Sie gilt für Turboprop- und Jetflugzeuge mit mehr als 5.700 kg Höchstabflugmasse oder mehr als 19 Passagiersitzen: für neu zugelassene Flugzeuge ab dem 1. März 2012, für ältere Flugzeuge ab dem 1. Dezember 2015. Die Koordination solcher europaweiten Regeln liegt zu großen Teilen bei Eurocontrol.

Heute gilt bei einer RA

  • Sofort und vollständig dem TCAS folgen
  • Der Flugsicherung „TCAS RA“ melden
  • Nach „Clear of conflict“ zur freigegebenen Höhe zurück

Nicht mehr zulässig

  • Eine RA zugunsten einer Lotsenanweisung ignorieren
  • Gegen die Richtung der RA manövrieren
  • Als Lotse einem Flugzeug in einer RA eine neue Höhe geben

Die Konsequenzen für die Flugsicherung

Auch am Boden blieb kaum etwas, wie es war. Die BFU richtete schon während der Untersuchung Empfehlungen an Skyguide und die Aufsichtsbehörden: Wartungsarbeiten an sicherheitsrelevanten Systemen sollten durch Ersatzmaßnahmen ausgeglichen werden, und es sollten jederzeit mindestens zwei Lotsen anwesend sein. Die jahrelang geduldete Praxis, dass ein Lotse nachts allein mehrere Arbeitsplätze betreut, während der Kollege pausiert, stand damit grundsätzlich infrage.

Überlingen gilt bis heute als Lehrbeispiel für das sogenannte Schweizer-Käse-Modell: Jede einzelne Sicherheitsbarriere hat Löcher, aber erst wenn die Löcher vieler Barrieren übereinanderliegen, kommt es zur Katastrophe. Wie sich die Flugsicherung insgesamt entwickelt hat, erzählt unser Artikel zur Geschichte der Flugsicherung. Und wer überlegt, selbst in diesem Beruf zu arbeiten, findet Infos unter Fluglotse werden.

Das juristische Nachspiel

Skyguide wies die Verantwortung anfangs zurück, räumte aber später Fehler ein und bat die Hinterbliebenen um Verzeihung. Ein Gericht in Bülach verurteilte 2007 vier Führungskräfte des Unternehmens wegen fahrlässiger Tötung; drei erhielten bedingte Freiheitsstrafen, einer eine Geldstrafe. Vier weitere Angeklagte wurden freigesprochen.

Das Landgericht Konstanz entschied 2006, dass die Bundesrepublik Deutschland für die Fehler der Schweizer Flugsicherung haftet, weil sie den Luftraum an Skyguide übertragen hatte. Deutschland legte Berufung ein, der Streit endete 2013 ohne Grundsatzurteil. Die Bashkirian Airlines selbst war ab 2007 insolvent.

Ein zweites Opfer

Am 24. Februar 2004 wurde der Lotse, der in der Unfallnacht Dienst hatte, vor seinem Haus in Kloten bei Zürich erstochen. Der Täter war ein Mann aus Nordossetien, der bei dem Unglück seine Frau und seine beiden Kinder verloren hatte. Ein Schweizer Gericht verurteilte ihn 2005, er wurde 2007 vorzeitig entlassen. Ehemalige Kollegen stellten an seinem früheren Arbeitsplatz eine Vase mit einer weißen Rose auf. Für viele in der Branche zeigte der Fall, wie stark individuelle Schuldzuweisungen ein Systemversagen überdecken können – ein Grund, warum moderne Unfalluntersuchung bewusst nicht nach Schuldigen sucht, sondern nach Ursachen.

Erinnern am Bodensee

Bei Brachenreuthe, einem Ortsteil von Überlingen, wurde im Mai 2004 eine Gedenkstätte eingeweiht. Die Skulptur „Die zerrissene Perlenkette“ der Bildhauerin Andrea Zaumseil steht für die abgerissenen Lebenswege der Opfer. Angehörige pflanzten dort 71 Bäume für die Toten. Weitere Gedenkorte gibt es bei Skyguide in Dübendorf und auf einem Friedhof in Ufa, wo viele der Opfer bestattet sind.

Respekt am Gedenkort

Die Gedenkstätte ist ein Ort der Trauer, kein Fotospot. Wenn du in der Region unterwegs bist, etwa auf dem Weg zum Flughafen Friedrichshafen oder zur AERO, verhalte dich dort zurückhaltend und verzichte auf Inszenierungen. Zum Umgang mit Unfallbildern lohnt ein Blick in unseren Beitrag zu Fotos von Flugunfällen und § 201a StGB.

Was das für dich als Spotter bedeutet

Überlingen ist kein Ereignis, das du am Zaun siehst, aber es prägt, was du dort hörst und auf dem Radar liest. Hörst du im Flugfunk ein knappes „TCAS RA“, weißt du jetzt, warum der Lotse daraufhin schweigt. Siehst du auf einer Flugradar-Karte zwei Flugzeuge, die sich auf gleicher Höhe nähern, kennst du die Logik, nach der sie sich trennen. Und wenn du dich für die Technik dahinter interessierst: TCAS arbeitet mit den Transpondern auf 1030 und 1090 MHz, und auf 1090 MHz senden Flugzeuge auch die Mode-S- und ADS-B-Daten, die du mit einem eigenen Empfänger aufzeichnen kannst – ein Einstieg ist unser Artikel zur Flugverfolgung mit ADS-B.

Die Region selbst ist für Spotter durchaus interessant. Rund um Friedrichshafen mit der Messe AERO, das Dornier Museum und auf der Schweizer Seite das Fliegermuseum Altenrhein lohnt sich ein Besuch. Und nach Zürich ist es nicht weit.

Hast du Überlingen verstanden?

Hak ab, was du jetzt erklären kannst.

  • Ich weiß, warum ein Schweizer Lotse über deutschem Gebiet zuständig war.
  • Ich kenne den Unterschied zwischen Traffic Advisory und Resolution Advisory.
  • Ich kann erklären, warum zwei sinkende Flugzeuge die TCAS-Logik ausgehebelt haben.
  • Ich weiß, welche Systeme in der Unfallnacht wegen Wartung fehlten.
  • Ich kenne die Regel, die seit 2003 bei einer RA gilt.
  • Ich weiß, was die Umkehr-Logik in TCAS 7.1 leistet.

Überlingen und Teneriffa: zwei Wendepunkte

Ähnlich wie die Katastrophe von Teneriffa 1977 hat Überlingen die Luftfahrt weniger durch neue Hardware verändert als durch klarere Regeln für die Kommunikation. Auf Teneriffa ging es um missverständliche Funksprüche und Hierarchie im Cockpit, über dem Bodensee um die Frage, wer im letzten Moment das Sagen hat. Beide Unglücke zeigen dasselbe Muster: Moderne Technik schützt nur, wenn Menschen und Verfahren eindeutig darauf abgestimmt sind.

Mehr Wissen am Zaun

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Fazit

Die Kollision von Überlingen war kein Unfall mit einem einzelnen Schuldigen, sondern das Ergebnis vieler kleiner Lücken: zu wenig Personal, abgeschaltete Hilfssysteme, eine tote Telefonleitung und eine Regel, die nicht sagte, wem eine Crew im Zweifel folgen soll. Die Antwort darauf war eindeutig und gilt bis heute weltweit: Eine TCAS-Ausweichempfehlung wird befolgt, gemeldet und nicht diskutiert. Dazu kam eine Software, die falsche Reaktionen der Gegenseite erkennt und korrigiert.

Kurzfazit

Am 1. Juli 2002 starben über Überlingen 71 Menschen, weil Lotse und TCAS der Tupolew gegensätzliche Anweisungen gaben und die Crews unterschiedlich reagierten. Seitdem hat TCAS verbindlich Vorrang, Ausweichmanöver werden gemeldet, und TCAS 7.1 kann seine Empfehlung umkehren – Lehren, die jeden Flug, den du am Zaun beobachtest, sicherer machen.

Zusammenfassung

  • Die Kollision von Überlingen zählt zu den schwersten Flugunglücken in Deutschland und ist ein Lehrbuchfall für Systemversagen: Kein einzelner Fehler, sondern eine Kette aus Personalmangel, Wartungsarbeiten, unklaren Regeln und widersprüchlichen Anweisungen führte zum Zusammenstoß.
  • Die deutsche Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) legte ihren Abschlussbericht im Mai 2004 vor und benannte bewusst keinen Alleinschuldigen.
  • Die Folgen reichen bis heute: verbindlicher Vorrang von TCAS, Meldepflicht für Ausweichmanöver, neue TCAS-Logik mit Umkehr-Funktion und eine andere Personalpolitik bei der Flugsicherung.
  • Die Tragödie hatte ein bitteres Nachspiel: 2004 tötete ein Hinterbliebener den damals diensthabenden Lotsen vor dessen Haus in Kloten.

Häufige Fragen

Was ist bei Überlingen 2002 passiert?

Am 1. Juli 2002 um 23:35:32 Uhr Ortszeit stießen nördlich von Überlingen am Bodensee eine Tupolew Tu-154M der Bashkirian Airlines (Flug 2937, Moskau–Barcelona) und eine Boeing 757-200PF von DHL (Flug 611, Bahrain–Bergamo–Brüssel) in rund 34.900 Fuß zusammen. Beide Flugzeuge stürzten ab, alle 71 Menschen an Bord starben.

Wer war für den Luftraum zuständig?

Der Zusammenstoß ereignete sich über deutschem Gebiet, die Flugverkehrskontrolle für diesen Teil Süddeutschlands war aber an die Schweizer Flugsicherung Skyguide in Zürich übertragen. Deshalb sprach in jener Nacht ein Lotse aus Zürich mit beiden Crews.

Was ist TCAS?

TCAS (Traffic Alert and Collision Avoidance System), international ACAS II genannt, ist ein bordseitiges Kollisionswarnsystem. Es fragt die Transponder anderer Flugzeuge ab, warnt zuerst mit einem Verkehrshinweis (Traffic Advisory) und gibt bei akuter Gefahr eine Ausweichempfehlung (Resolution Advisory) wie „Climb“ oder „Descend“. Die Systeme beider Flugzeuge stimmen ihre Manöver untereinander ab, sodass eines steigt und das andere sinkt.

Warum folgte die Tu-154-Crew nicht dem TCAS?

Vor 2002 war international nicht eindeutig geregelt, ob TCAS oder Lotse Vorrang hat. Das Betriebshandbuch der Bashkirian Airlines war laut BFU widersprüchlich: An einer Stelle galt TCAS als zusätzliches Hilfsmittel neben der Flugsicherung, an anderer Stelle waren Manöver gegen eine TCAS-Empfehlung untersagt. Die Crew hatte die Sinkanweisung des Lotsen bereits erhalten und folgte ihr.

Was hat sich nach Überlingen geändert?

Die ICAO stellte Ende 2003 klar, dass Piloten einer Resolution Advisory folgen müssen, auch wenn sie einer Lotsenanweisung widerspricht, und dass sie das Manöver der Flugsicherung melden. Später kam TCAS II Version 7.1 mit Umkehr-Logik und der Ansage „Level off“. Die EU schreibt Version 7.1 für Flugzeuge über 5.700 kg oder mit mehr als 19 Passagiersitzen vor.

Was ist mit dem Fluglotsen passiert?

Der diensthabende Lotse wurde am 24. Februar 2004 vor seinem Haus in Kloten von einem Mann erstochen, der bei dem Unglück Frau und Kinder verloren hatte. Der Täter wurde 2005 in der Schweiz verurteilt und 2007 vorzeitig entlassen.

Gibt es eine Gedenkstätte?

Ja. Bei Brachenreuthe, einem Ortsteil von Überlingen, wo ein großer Teil der Tupolew niederging, steht seit 2004 die Skulptur „Die zerrissene Perlenkette“ der Bildhauerin Andrea Zaumseil. Weitere Gedenkorte gibt es bei Skyguide in Dübendorf und in Ufa.

PT

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