Air Florida

Historische US-Airline aus Miami (1972–1984): Air Florida wuchs nach der Deregulierung vom Florida-Pendler zur Airline mit Strecken nach Europa – und wurde durch den Absturz von Flug 90 in Washington zum Lehrbeispiel für Enteisung und Cockpit-Kommunikation.

Auch bekannt als: Air Florida System · Air Florida Commuter · Midway Express · QH

USAUSALow-Cost-AirlinesIATA: QHICAO: FLA14 Min. Lesezeit

QH

IATA-Code von Air Florida

1972–1984

Jahre Flugbetrieb

N62AF

Kennzeichen der Flug-90-Maschine

1992

Neue US-Enteisungsregeln in Kraft

Das Wichtigste in Kürze

  • Air Florida war eine historische US-Airline aus Miami, gegründet 1971, erster Flug 1972, Flugbetrieb eingestellt am 3. Juli 1984.
  • Codes: IATA QH, ICAO FLA, Rufzeichen „PALM“.
  • Kind der Deregulierung: Bis 1978 flog Air Florida nur innerhalb Floridas, danach wuchs sie in wenigen Jahren bis nach Washington, New York, in die Karibik und nach Europa.
  • Flug 90: Am 13. Januar 1982 stürzte eine vereiste Boeing 737-200 kurz nach dem Start in Washington in den Potomac – 78 Menschen starben, fünf überlebten.
  • Lehrbeispiel bis heute: Abgeschaltete Triebwerksenteisung, zu lange Wartezeit nach dem Enteisen und ein nicht abgebrochener Start machen Flug 90 zum Standardfall in Ausbildung und Enteisungsschulung.
Inhaltsverzeichnis
  1. 1.Air Florida im Überblick
  2. 2.Codes und Rufzeichen
  3. 3.Vom Florida-Pendler zur Deregulierungs-Airline
  4. 4.Die Flotte im Wandel
  5. 5.Flug 90: der Absturz in den Potomac
  6. 6.Was die NTSB herausfand
  7. 7.Die Folgen für die Enteisung
  8. 8.Der Niedergang 1982 bis 1984
  9. 9.Woran du Air-Florida-Aufnahmen erkennst
  10. 10.Häufige Verwechslungen
  11. 11.Fazit

Steckbrief

IATA-CodeQH
ICAO-CodeFLA
RufzeichenPALM
DrehkreuzeMIA
StatusHistorisch – Flugbetrieb eingestellt am 3. Juli 1984
GeschäftsmodellGünstig-Airline, zuerst nur innerhalb Floridas, ab 1978 mit Strecken in den Nordosten der USA, in die Karibik, nach Mittelamerika und Europa
Gegründet4. November 1971, erster Flug am 27. September 1972 (Miami–Orlando–St. Petersburg)
Sitz und BasisMiami-Dade County, Florida; Drehkreuz und Wartungsbasis am Flughafen Miami (MIA)
Prägende KöpfeEli Timoner (Mitgründer), Ed Acker (Chef 1977–1981, danach bei Pan Am), Donald Lloyd-Jones (ab 1982)
Flotte (Auswahl)Boeing 707, Lockheed L-188 Electra, Douglas DC-9, Boeing 737-100 und -200, Boeing 727, McDonnell Douglas DC-10-30, DC-8-62 (geleast)
Schwerster UnfallFlug 90 am 13. Januar 1982: Boeing 737-222 N62AF stürzt in Washington in den Potomac, 78 Tote
EndeInsolvenz nach Chapter 11 im Juli 1984; ab Oktober 1984 Flugbetrieb als „Midway Express“ für Midway Airlines

Woran du die Airline erkennst

Ist das wirklich Air Florida?

Hak ab, was auf das Flugzeug zutrifft, das du gerade siehst.

  • Schriftzug „Air Florida“ am Rumpf – ab 1980 auch auf Turboprops und Kleinflugzeugen der Air Florida Commuter-Partner
  • Kern der Flotte ab etwa 1980: Boeing 737-100 und 737-200 mit schlanken Pratt-&-Whitney-JT8D-Triebwerken
  • Davor und daneben: Douglas DC-9, in den Anfangsjahren Lockheed Electra-Turboprops
  • Großraum-Exot: eine McDonnell Douglas DC-10-30 für Fernstrecken, zuletzt als umrüstbare Fracht-/Passagierversion DC-10-30CF
  • US-Kennzeichen mit N – die Unglücksmaschine von Flug 90 trug N62AF
  • Rufzeichen im Funk: „PALM“

Ein Winternachmittag in Washington, dichter Schneefall, eine Boeing 737 in der Warteschlange vor der Piste: Am 13. Januar 1982 wurde der Name Air Florida weltweit bekannt – auf die schlimmste denkbare Weise. Dabei war die Airline aus Miami bis dahin eine Erfolgsgeschichte der Deregulierung: in wenigen Jahren vom Florida-Pendler zur Gesellschaft mit Strecken bis nach Europa. Hier erfährst du, wie Air Florida aufstieg, was bei Flug 90 schiefging, warum das Unglück bis heute in jeder Enteisungsschulung auftaucht – und wie du alte Air-Florida-Aufnahmen einordnest.

Luftfahrtgeschichte im Hangar

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Air Florida im Überblick

Air Florida war eine historische US-Airline mit Basis am Flughafen Miami. Gegründet wurde sie am 4. November 1971, der erste Flug folgte am 27. September 1972: zweimal täglich zwischen Miami, Orlando und St. Petersburg, zum Einführungspreis von 12 Dollar pro Strecke. Zu den Gründern gehörte Eli Timoner, der später auch Chef der Airline wurde. Als Vorbild diente die kalifornische Pacific Southwest Airlines, die vorgemacht hatte, wie man innerhalb eines einzigen Bundesstaats mit günstigen Tarifen viele Passagiere gewinnt.

Genau das war der Trick: Solange Air Florida nur innerhalb Floridas flog, unterstand sie nicht der strengen Bundesbehörde CAB, sondern der Florida Public Service Commission. Die ersten Jahre blieben trotzdem zäh – die Airline war chronisch knapp bei Kasse und schrieb meist Verluste. Erst eine Kapitalspritze Ende 1976 durch eine Investorengruppe um Ed Acker brachte die Wende. Acker übernahm 1977 die Spitze und machte Air Florida fit für die Zeit nach der Deregulierung.

Am 3. Juli 1984 endete der Flugbetrieb nach knapp zwölf Jahren. Damit gehört Air Florida zu den kurzlebigen, aber prägenden Airlines der Deregulierungsära – in einer Reihe mit People Express und Braniff.

QHIATA-Code von Air Florida
FLAICAO-Code
PALMRufzeichen im Funk

Codes und Rufzeichen

  • IATA-Code QH: stand in den Flugnummern, auf Tickets und Anzeigetafeln.
  • ICAO-Code FLA: kennzeichnete Air Florida im Flugplan der Flugsicherung.
  • Rufzeichen PALM: so meldeten sich die Crews im Funk. Flug 90 war im Funk also „Palm 90“.
  • Kennzeichen N: Die eigenen Flugzeuge waren in den USA registriert. Die Unglücksmaschine trug N62AF.

Rufzeichen, die nichts mit dem Airline-Namen zu tun haben, sorgen bis heute für Verwirrung beim Mithören. Weitere Beispiele und ihre Geschichte findest du im Artikel über Airline-Rufzeichen.

Vom Florida-Pendler zur Deregulierungs-Airline

Die Anfangsjahre mit gebrauchten Flugzeugen

Ursprünglich plante Air Florida mit einer Convair 990, startete dann aber mit einer gebrauchten Boeing 707 von Pan Am. Bis Mai 1973 ersetzten drei Lockheed L-188 Electra den Vierstrahler – Turboprops passten besser zu den kurzen Strecken innerhalb Floridas. Nach einer Kapitalspritze Ende 1976 kamen Jets vom Typ Douglas DC-9 dazu, darunter Maschinen der Version DC-9-15RC. Anfang 1978 warb Air Florida bereits mit dem Slogan „All jet. All the time.“

Der Sprung über die Staatsgrenze

1978 verabschiedete der US-Kongress das Gesetz zur Deregulierung des Luftverkehrs. Für Air Florida war das der Startschuss: Noch bis Ende 1978 durfte die Airline Washington und die Bahamas anfliegen. Danach ging es Schlag auf Schlag – in den Nordosten und Mittleren Westen der USA, etwa nach New York LaGuardia, Boston, Chicago und Detroit, in die Karibik und nach Mittelamerika.

Im Januar 1981 bestand die Flotte bereits aus vier DC-9, 21 Boeing 737 und einer DC-10. Der Umsatz stieg von 60 Millionen Dollar 1979 auf 303 Millionen Dollar 1981 – in nur zwei Jahren eine Verfünffachung.

Region Ziele (Auswahl, zu verschiedenen Zeiten) Bedeutung
Florida Miami, Orlando, St. Petersburg, Tampa, Fort Lauderdale Ursprung und Zubringer-Netz
Nordosten/Mittlerer Westen Washington National, New York LaGuardia, Boston, Chicago, Detroit Wachstum nach 1978
Karibik Bahamas, Jamaika, Dominikanische Republik, Haiti, Puerto Rico, Amerikanische Jungferninseln Urlaubsziele und Inselverbindungen
Mittelamerika Guatemala-Stadt, San Salvador, Tegucigalpa, San Pedro Sula, San José, Belize City meist mindestens kostendeckend
Europa London-Gatwick, Brüssel, Shannon, Oslo, Stockholm, Frankfurt, Düsseldorf, Paris, Madrid, Zürich Prestige, aber die schwächste Region

Air Florida in Europa

Für eine Airline, die wenige Jahre zuvor noch innerhalb Floridas pendelte, war der Sprung über den Atlantik ehrgeizig. Air Florida flog unter anderem London-Gatwick, Brüssel und Shannon an, zeitweise auch Frankfurt, Düsseldorf und Zürich. Für die Langstrecke kam eine McDonnell Douglas DC-10 der Version -30 in die Flotte, zeitweise ergänzt durch eine geleaste Douglas DC-8-62. In Europa brachte die British Island Airways mit BAC One-Eleven und Air-Florida-Titeln Zubringer-Passagiere zu den Transatlantikflügen. Wirtschaftlich blieb Europa aber das Sorgenkind: Keine Region war für Air Florida weniger profitabel.

Air Florida Commuter

Ab 1980 baute Air Florida ein Zubringersystem auf. Air Florida Commuter war keine eigene Airline, sondern ein Verbund kleiner Partnergesellschaften, die in Air-Florida-Farben flogen und in den Buchungssystemen als Air-Florida-Flüge erschienen. Den Anfang machte Air Miami, später kamen unter anderem Air Sunshine, Key Air und Skyway Airlines dazu. Anfang 1984 wurde das System wieder aufgelöst. Für Spotter heißt das: Auf alten Fotos kann der Schriftzug „Air Florida“ auch an kleinen Turboprops und Pendlerflugzeugen stehen.

Typ vor Schriftzug

Der Air-Florida-Schriftzug verrät noch nicht, wer geflogen ist. Bestimme bei alten Aufnahmen immer zuerst den Typ: 737, DC-9 und DC-10 gehörten zur Airline selbst, kleinere Propellerflugzeuge meist zu den Commuter-Partnern. Wie du Klassiker sicher unterscheidest, zeigt der Guide Oldtimer am Himmel erkennen.

Die Flotte im Wandel

Epoche Typen Einsatz
1972–1973 Boeing 707 Erstes Flugzeug im Florida-Verkehr
ab 1973 Lockheed L-188 Electra Turboprops für kurze Florida-Strecken
ab 1977 Douglas DC-9, u. a. DC-9-15RC Erste Jets, Grundlage für „All jet“
ca. 1980–1984 Boeing 737-100 und 737-200 Rückgrat der Flotte
zeitweise Boeing 727-100/-200, Boeing 707-320 Ergänzung, Einsatzzeitraum nicht genau belegt
bis 1984 (spätestens ab Anfang 1981) McDonnell Douglas DC-10-30 / -30CF Langstrecke, u. a. nach Europa
bis 1984 Douglas DC-8-62 (geleast) Langstrecke

Die Boeing 737-200 war das Arbeitspferd von Air Florida, dazu kam die kürzere 737-100. Beide haben die schlanken, zigarrenförmigen JT8D-Triebwerke unter den Flügeln, die die frühe 737 auf jedem Foto sofort von späteren Generationen unterscheiden – mehr dazu im Guide Boeing 737 Original, Classic, NG und MAX unterscheiden. Zeitweise flogen auch die Boeing 727-100 und die Boeing 727-200 für Air Florida, ebenso eine Boeing 707-320. Bestellt waren außerdem drei Boeing 757-200, die die Airline aber nicht mehr übernahm. Hersteller der meisten Flugzeuge waren Boeing und McDonnell Douglas beziehungsweise dessen Vorgänger Douglas.

Beim Zusammenbruch im Juli 1984 bestand die Flotte nur noch aus zwei 737-100, acht 737-200, einer geleasten DC-8-62 und einer DC-10-30CF.

Flug 90: der Absturz in den Potomac

Ein Tag im Schneesturm

Am 13. Januar 1982 legte ein heftiger Schneesturm Washington lahm. Der Flughafen Washington National – heute Ronald Reagan Washington National – war zeitweise geschlossen und öffnete mittags unter schwierigen Bedingungen wieder. Das Ziel von Air Florida Flug 90 war Fort Lauderdale, mit Zwischenstopp in Tampa. Eingesetzt war die Boeing 737-222 N62AF, gebaut 1969 und zuvor bei United Airlines im Dienst.

Der Abflug verzögerte sich um rund eine Stunde und 45 Minuten. Enteist wurde die Maschine von American Airlines, die diesen Bodendienst für Air Florida übernahm. Schon hier lief einiges schief:

  • Falsches Mischverhältnis: Ein nicht passender Ersatz-Sprühkopf ohne Mischanzeige brachte nur etwa 18 Prozent Glykol aufs Flugzeug statt der eingestellten 30 Prozent.
  • Keine Abdeckungen: Vorgeschriebene Schutzkappen für Staudruckrohre, statische Öffnungen und Triebwerkseinläufe wurden nicht angebracht.
  • Probleme beim Pushback: Der Schlepper fand auf dem vereisten Vorfeld keinen Halt. Die Crew versuchte, mit Umkehrschub rückwärts zu rollen – ohne Erfolg. Erst ein Schlepper mit Schneeketten schob die 737 zurück.

Danach stand Flug 90 noch 49 Minuten in der Rollschlange. Die Crew rollte dicht hinter einer DC-9 her, offenbar in der Hoffnung, deren Abgasstrahl würde das Eis von den Tragflächen schmelzen. Das Gegenteil geschah: Schneematsch landete auf Flügeln und Triebwerkseinläufen und fror wieder an.

30 Sekunden in der Luft

Um 15:59 Uhr Ortszeit begann der Startlauf. Weil die Triebwerksenteisung ausgeschaltet war, vereisten Messsonden im Triebwerkseinlauf. Die Anzeigen meldeten den geforderten Startschub von 2,04 EPR – tatsächlich lieferten die Triebwerke nur Leistung entsprechend rund 1,70 EPR. Der Copilot bemerkte, dass etwas nicht stimmte, und sprach es mehrfach an. Der Kapitän setzte den Start fort; nach Erkenntnissen der Ermittler wäre ein Abbruch noch möglich gewesen.

Die 737 hob deutlich später ab als üblich, kam auf höchstens 352 Fuß (rund 107 Meter) und konnte sich mit vereisten Flügeln nicht in der Luft halten. Nach rund 30 Sekunden Flug streifte sie um 16:01 Uhr die 14th Street Bridge, auf der sich der Feierabendverkehr staute, und stürzte in den zugefrorenen Potomac.

79Menschen an Bord
78Todesopfer, davon 4 auf der Brücke
5Überlebende aus dem Flugzeug

Rettung im Eiswasser

Was danach geschah, verfolgten Millionen Menschen im Fernsehen. Nur sechs Menschen klammerten sich an Wrackteile im eiskalten Fluss. Der Hubschrauber „Eagle 1“ der US Park Police mit Pilot Donald Usher und Rettungssanitäter Windsor warf Rettungsleinen ab. Der Passagier Arland D. Williams Jr. reichte die Leine mehrfach an andere weiter – als der Hubschrauber zurückkam, war er untergegangen. Die reparierte Brückenhälfte trägt heute seinen Namen.

Vom Ufer aus sprang der Zuschauer Lenny Skutnik ins Wasser und zog eine Überlebende an Land, auch Roger Olian versuchte, die Opfer im Wasser zu erreichen. Skutnik wurde knapp zwei Wochen später bei Präsident Reagans Rede zur Lage der Nation im Kongress vorgestellt. Unter den fünf Überlebenden war die Flugbegleiterin Kelly Duncan, die ihre Schwimmweste einem Passagier gab. Etwa eine halbe Stunde nach dem Absturz entgleiste zudem ein U-Bahn-Zug der Washington Metro – die Stadt war an diesem Nachmittag in weiten Teilen gelähmt.

Was die NTSB herausfand

Die US-Unfallbehörde NTSB veröffentlichte ihren Abschlussbericht unter der Nummer AAR-82-08. Als wahrscheinliche Ursache nannte sie das Verhalten der Crew:

  • Triebwerksenteisung aus: Sie blieb am Boden und beim Start ausgeschaltet – mit der Folge falscher Schubanzeigen.
  • Start mit Eis und Schnee: Die Crew startete, obwohl sich Schnee und Eis auf den Tragflächen angesammelt hatten.
  • Kein Startabbruch: Der Kapitän brach den Start nicht ab, als der Copilot auf die auffälligen Anzeigen hinwies.
  • Kein „steriles Cockpit“: Bei der letzten Checkliste vor dem Start herrschte keine konsequente Konzentration auf die Arbeit.

Als beitragende Faktoren führte die NTSB die lange Zeit zwischen Enteisung und Startfreigabe, die bekannte Neigung der Boeing 737 zum Aufbäumen bei verschmutzter Flügelvorderkante und die geringe Erfahrung der Crew mit Jetbetrieb im Winter an. Beide Piloten hatten nur sehr wenige Starts oder Landungen bei Schnee hinter sich.

Warum Flug 90 in jeder Schulung auftaucht

Der Mitschnitt des Stimmenrekorders zeigt, wie der Copilot seine Zweifel äußert – aber nicht deutlich genug, und wie der Kapitän sie übergeht. Genau dieses Muster ist Thema in der Crew-Ausbildung: Wer Bedenken hat, muss sie klar aussprechen, und wer führt, muss sie ernst nehmen. Flug 90 gilt deshalb bis heute als Fallstudie für Piloten und Rettungskräfte.

Die Folgen für die Enteisung

Flug 90 hat die Enteisung nicht über Nacht verändert, aber er hat drei Lektionen ins Bewusstsein der Branche gebrannt, die heute Standard sind. Wie Enteisung heute abläuft, erklärt der Hintergrund zur Enteisung von Flugzeugen ausführlich.

Sauberes Flugzeug

Kein Start mit Schnee, Eis oder Reif auf Tragflächen und Leitwerk. Schon dünne Schichten an der Flügelvorderkante verschlechtern den Auftrieb massiv.

Zeit im Blick

Enteisungsflüssigkeit wirkt nur eine begrenzte Zeit. Die sogenannte Holdover Time hängt von Flüssigkeit, Mischung und Wetter ab – wird sie überschritten, muss neu enteist werden.

Triebwerke schützen

Bei Vereisungsbedingungen gehört die Triebwerksenteisung eingeschaltet. Sonst drohen falsche Anzeigen und Leistungsverlust.

Mut zum Abbruch

Passen Anzeigen und Beschleunigung nicht zusammen, wird der Start abgebrochen – solange es noch geht.

Verbindliche Regeln kamen in den USA erst später: Nach weiteren Winterunfällen, darunter USAir Flug 405 im März 1992 in New York, verpflichtete die Luftfahrtbehörde FAA die Airlines, genehmigte Enteisungsprogramme anzuwenden, sobald Eis, Schnee oder Reif zu erwarten sind. Die Regel trat am 1. November 1992 in Kraft. In den Jahren danach setzten sich zudem dickflüssigere Schutzflüssigkeiten durch, die deutlich länger auf dem Flugzeug haften. Wie die Geschichte von US Airways zeigt, war Flug 90 also nicht der Endpunkt, sondern der Anfang einer langen Lernkurve. Ähnlich prägend für die Regeln war Jahrzehnte später der Absturz von Colgan Air Flug 3407 für die Pilotenausbildung.

Wetter und Pisten im Blick

Planetrack zeigt dir Wetter, Wind und aktive Pisten am Flughafen – praktisch, wenn du an einem Wintertag die Enteisung und die Starts im Schneetreiben fotografieren willst. Planetrack startet bald – trag dich in die Warteliste ein.

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Der Niedergang 1982 bis 1984

Das Unglück traf eine Airline, die ohnehin wankte. Schon 1981 war Air Florida in die Verlustzone gerutscht – Preiskämpfe, auch mit Pan Am, wo ausgerechnet Ex-Chef Ed Acker seit August 1981 am Ruder saß, drückten die Erträge. Die Zinslast stieg von 10 Millionen Dollar 1980 auf 35 Millionen Dollar 1982. Teure Beteiligungsversuche, etwa an Western Airlines, endeten mit Verlust.

1979 1980 1981 1982
Umsatz (Mio. US-Dollar) 60,0 161,3 303,0 281,8
Betriebsergebnis (Mio. US-Dollar) 4,0 9,5 −12,1 −33,5
Nettoergebnis (Mio. US-Dollar) 3,4 5,6 −4,1 −78,5

Nach Flug 90 brachen die Buchungen ein. Im Frühjahr 1982 prüfte das Management sogar eine Fusion mit Braniff, die im Mai 1982 selbst aufgab. Im Juli 1982 erlitt Eli Timoner einen Schlaganfall, Donald Lloyd-Jones übernahm und schrumpfte die Airline radikal: Zwischen Juni 1982 und Mai 1984 sank die Flotte von 29 auf 11 Flugzeuge.

Am 3. Juli 1984 stellte Air Florida den Flugbetrieb ein und beantragte Gläubigerschutz nach Chapter 11. Ab dem 15. Oktober 1984 flogen Air-Florida-Maschinen wieder – nun als „Midway Express“ im Auftrag von Midway Airlines aus Chicago. Im August 1985 genehmigte das Insolvenzgericht den Verkauf an Midway, die Wartungsbasis in Miami ging mit über.

Was von Air Florida blieb

  • Ein Musterbeispiel für Chancen der Deregulierung
  • Die Lehren von Flug 90 für Enteisung und Cockpit-Kommunikation
  • Die Arland D. Williams Jr. Memorial Bridge in Washington
  • Flugzeuge, die bei Midway und anderen Airlines weiterflogen

Was mit Air Florida verschwand

  • Die Marke und der Code QH in dieser Form
  • Die Transatlantikflüge nach Europa
  • Das Commuter-Netz der Partner-Airlines
  • Eine eigenständige Billig-Airline aus Miami

Woran du Air-Florida-Aufnahmen erkennst

Weil die Airline nur zwölf Jahre existierte, sind gute Fotos rar und gesucht. So ordnest du sie ein:

Sehr wahrscheinlich Air Florida, wenn …

  • eine 737-100/-200, DC-9 oder DC-10 den Schriftzug „Air Florida“ trägt
  • das Foto in Miami, Florida, Washington National oder auf einem Karibikflughafen entstanden ist
  • das Aufnahmedatum zwischen 1972 und Juli 1984 liegt

Genauer prüfen, wenn …

  • ein kleines Propellerflugzeug Air-Florida-Titel trägt – dann war es meist ein Commuter-Partner
  • eine One-Eleven mit Air-Florida-Titeln in Europa auftaucht – Zubringerdienst eines Partners

Eher nicht Air Florida, wenn …

  • das Foto nach Oktober 1984 entstanden ist und Midway-Farben zeigt – das ist „Midway Express“
  • eine 737 der dritten oder vierten Generation zu sehen ist – die flog Air Florida nie

Auf den Spuren von Flug 90 bist du am heutigen Reagan National unterwegs. Der beliebte Spot Gravelly Point liegt am Potomac-Ufer, nicht weit von der 14th Street Bridge – Details zum Standort findest du im Spot-Steckbrief Gravelly Point Park. Wenn du dort im Winter spotten willst, helfen dir die Tipps zum Planespotting im Winter – und ein Blick darauf, wie der Winterdienst am Flughafen Pisten und Vorfelder freihält. Für Air-Florida-Spuren in der Heimat lohnt sich der Reiseguide Planespotting in Miami.

Respekt am Unglücksort

Die Brücke und das Flussufer sind Orte der Erinnerung – nicht nur an Flug 90, sondern auch an den Zusammenstoß über dem Potomac im Januar 2025. Bleib auf öffentlichen Wegen, behindere keine Einsatzkräfte und teile keine Fotos von Zwischenfällen. Wie du dich verhältst, wenn du selbst etwas beobachtest, erklärt der Artikel Notlandung oder Zwischenfall beobachtet.

Häufige Verwechslungen

  • Air Florida mit Eastern verwechseln – beide kamen aus Miami, aber Eastern Air Lines war eine große Netzwerk-Airline mit eigener Geschichte.
  • Jede Maschine mit Air-Florida-Titel der Airline zuschreiben – Commuter-Partner und Zubringer in Europa flogen ebenfalls unter diesem Namen.
  • Die Unglücksmaschine als „neue“ 737 bezeichnen – N62AF war 1969 gebaut und kam gebraucht von United.
  • Flug 90 allein der Enteisungsfirma anlasten – die NTSB sah die Hauptursache bei Entscheidungen der Crew, die Enteisungsmängel trugen nur bei.
  • Midway Express für Air Florida halten – ab Oktober 1984 verkaufte Midway die Tickets, Air Florida flog nur noch im Auftrag.

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Fazit

Air Florida steht für zwei Seiten der Deregulierung: Aus einem kleinen Florida-Pendler wurde in wenigen Jahren eine Airline mit Strecken in die Karibik, nach Mittelamerika und Europa – finanziert mit viel Mut und noch mehr Schulden. Der Absturz von Flug 90 beschleunigte das Ende, hinterließ aber ein Vermächtnis, das bis heute wirkt: Jede Crew, die vor dem Winterstart die Holdover Time prüft, die Triebwerksenteisung einschaltet oder bei auffälligen Anzeigen den Start abbricht, profitiert von den Lehren vom Potomac.

Kurzfazit

Air Florida (IATA QH, ICAO FLA, Rufzeichen PALM) war eine historische Billig-Airline aus Miami von 1972 bis 1984. Bekannt wurde sie durch ihren rasanten Aufstieg nach 1978 – und durch Flug 90, dessen Absturz in Washington zum Lehrbeispiel für Enteisung und Crew-Kommunikation wurde.

Zusammenfassung

  • Air Florida zeigt im Zeitraffer, was die US-Deregulierung 1978 möglich machte: rasantes Wachstum, Billigtarife, neue Strecken – und hohe Risiken.
  • Für Spotter ist die Airline ein reines Archiv-Thema: Fotos von 737, DC-9, DC-10 und Electra aus den 1970er- und frühen 1980er-Jahren.
  • Der Absturz von Flug 90 hat bis heute Einfluss darauf, wie Crews über Eis an Tragflächen, Triebwerksenteisung und Startabbruch denken.
  • Washington National, heute Reagan National, liegt direkt am Unglücksort – wer am Gravelly Point spottet, ist nicht weit von der 14th Street Bridge entfernt.

Häufige Fragen

Wann gab es Air Florida?

Air Florida wurde am 4. November 1971 gegründet und flog ab dem 27. September 1972, zuerst zweimal täglich zwischen Miami, Orlando und St. Petersburg. Am 3. Juli 1984 stellte die Airline den Flugbetrieb ein und beantragte Gläubigerschutz nach Chapter 11. Ab Oktober 1984 flogen Teile der Flotte als „Midway Express“ im Auftrag von Midway Airlines.

Welche Codes hatte Air Florida?

Air Florida flog mit dem IATA-Code QH, dem ICAO-Code FLA und dem Rufzeichen „PALM“. Die eigenen Flugzeuge waren in den USA registriert und trugen ein N-Kennzeichen, etwa N62AF bei der Maschine von Flug 90.

Was passierte bei Air Florida Flug 90?

Am 13. Januar 1982 startete die Boeing 737-222 N62AF bei starkem Schneefall von Washington National nach Fort Lauderdale mit Zwischenstopp in Tampa. Die Maschine kam kaum auf Höhe, streifte rund 30 Sekunden nach dem Abheben die 14th Street Bridge und stürzte in den zugefrorenen Potomac. 74 der 79 Menschen an Bord und vier Autofahrer auf der Brücke kamen ums Leben, fünf Menschen an Bord überlebten.

Was war die Ursache des Absturzes?

Die US-Unfallbehörde NTSB (Bericht AAR-82-08) nannte vor allem Fehler der Crew: Die Triebwerksenteisung war am Boden und beim Start ausgeschaltet, die Crew startete mit Schnee und Eis auf den Tragflächen und brach den Start nicht ab, obwohl der Copilot auf auffällige Triebwerksanzeigen hinwies. Beitragend waren die lange Wartezeit zwischen Enteisung und Startfreigabe, die bekannte Neigung der 737 zum Aufbäumen bei verschmutzter Flügelvorderkante und die geringe Wintererfahrung der Piloten.

Warum zeigten die Instrumente falsche Werte?

Die Schubleistung der 737 wurde über das Triebwerksdruckverhältnis (EPR) eingestellt. Weil die Triebwerksenteisung aus war, vereiste eine Messsonde im Triebwerkseinlauf, und die Anzeige zeigte zu hohe Werte. Die Piloten glaubten, mit dem geforderten Startschub von 2,04 EPR zu fliegen, tatsächlich entsprach die Leistung nur etwa 1,70 EPR.

Was hat sich nach Flug 90 bei der Enteisung geändert?

Flug 90 wurde zum Standardbeispiel für das „Clean Aircraft“-Prinzip: kein Start mit Eis oder Schnee auf tragenden Flächen, ein klarer Zeitrahmen zwischen Enteisung und Start und eingeschaltete Triebwerksenteisung bei Vereisungsbedingungen. Verbindliche US-Regeln für genehmigte Enteisungsprogramme der Airlines traten allerdings erst am 1. November 1992 in Kraft – nach weiteren Unfällen, darunter USAir Flug 405 im März 1992.

Wer waren die Helden vom Potomac?

Der Passagier Arland D. Williams Jr. reichte die Rettungsleine des Polizeihubschraubers mehrfach an andere weiter und ertrank, bevor er selbst gerettet werden konnte; die reparierte Brücke trägt heute seinen Namen. Der Zuschauer Lenny Skutnik sprang ins eiskalte Wasser, um eine Überlebende ans Ufer zu ziehen, auch Roger Olian versuchte, die Opfer im Wasser zu erreichen. Pilot Donald Usher und Rettungssanitäter Windsor von der Park Police holten mit dem Hubschrauber „Eagle 1“ Überlebende aus dem Fluss.

Was wurde aus Air Florida?

Nach dem Unglück brachen die Buchungen ein, die Schulden waren ohnehin hoch. Zwischen Juni 1982 und Mai 1984 schrumpfte die Flotte von 29 auf 11 Flugzeuge, am 3. Juli 1984 war Schluss. Midway Airlines übernahm den Betrieb ab Oktober 1984 als „Midway Express“; das Insolvenzgericht genehmigte den Verkauf im August 1985.

Air Florida im Blick behalten

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Flugzeugtypen in der Flotte

Flugzeugtyp

Boeing 737-200

Schlanke Zigarren-Triebwerke unter dem Flügel, eine Kufe am Bugrad und Luftdüsen vor dem Einlauf: Die 737-200 ist der Jet, der auf Schotter landet. Hier erfährst du, wie die -200 und die -200 Advanced entstanden, woran du sie erkennst und wo sie heute noch fliegt.

Flugzeugtyp

Boeing 737-100

Kurzer Rumpf, schlanke Triebwerke dicht unter dem Flügel und ein deutscher Erstkunde: Die 737-100 war die allererste Version der Boeing 737. Nur 30 Stück entstanden, eine einzige ist bis heute erhalten. So erkennst du sie und ordnest sie ein.

Flugzeugtyp

Douglas DC-9

Die DC-9 war das letzte Verkehrsflugzeug, das noch unter dem alten Namen Douglas entstand – und die Keimzelle einer Familie bis zur Boeing 717. Hier liest du, wie der Kurzstreckenjet entwickelt wurde, was die Serien 10 bis 50 unterscheidet und wie daraus die MD-80 wuchs.

Flugzeugtyp

McDonnell Douglas DC-10

Zwei Triebwerke unter den Flügeln, das dritte mitten im Seitenleitwerk: Die DC-10 war einer der ersten Großraumjets und flog auch für Lufthansa und Condor. Heute ist sie eine Rarität – so erkennst du sie.

Flugzeugtyp

Lockheed L-188 Electra

Vier Allison-Turboprops, ein auffällig kurzer Flügel und eine bewegte Geschichte: Die Lockheed L-188 Electra war Amerikas erster großer Turboprop-Airliner, wurde schnell von Jets verdrängt und machte danach Karriere als Frachter und Löschflugzeug. So erkennst du sie und so findest du die letzten Exemplare.

Flugzeugtyp

Boeing 727-200

Drei Triebwerke am Heck, ein T-Leitwerk und eine Treppe im Rumpfende: Die 727-200 war einer der meistgebauten Jets ihrer Zeit. Heute ist sie eine echte Rarität – so erkennst du sie und so stehen deine Chancen.

Flugzeugtyp

Boeing 727-100

Die erste 727 war kurz, gedrungen und ein Kind der frühen Jet-Ära: drei Triebwerke am Heck, T-Leitwerk, eine Treppe im Rumpfende. So erkennst du die 727-100, so unterscheidest du sie von der -200 – und hier stehen die letzten Exemplare.

Flugzeugtyp

Boeing 707-320 Intercontinental

Vier Triebwerke unter gepfeilten Flügeln, ein spitzer Antennendorn auf der Seitenflosse und Platz für den Nordatlantik: Die 707-320 Intercontinental war die erste echte Langstrecken-707. Als Airliner ist sie Geschichte – als AWACS, Tanker und Museumsstück lebt sie weiter.

Flugzeugtyp

Douglas DC-8

Mit der DC-8 stieg Douglas ins Jetzeitalter ein: vier Triebwerke, gepfeilter Flügel und später ein Rumpf von über 57 Metern. Hier liest du, wie sich die Serien unterscheiden, warum die Super Sixty so berühmt wurde und wo du eine der letzten DC-8 noch erwischst.

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Planetrack Redaktion

Die Airline-Datenbank entsteht aus eigener Beobachtung, Community-Sichtungen und öffentlich zugänglichen Quellen. Flotten, Strecken und Eigentümer ändern sich laufend – gesicherte Angaben stehen im Steckbrief, alles Veränderliche ist als solches gekennzeichnet.

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